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Edition 6065
Verlag für regionale Kultur und
Geschichte
gegründet 1995
von Brigitte Forßbohm
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Otto Winzen
Der blaue Baum
Leseprobe
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Ich erhielt
ein Faksimileschreiben. Darin bat mich der
Geschäftsführer einer niederländischen
Antonie-Möller-Kunststiftung, die Betreuung dreier
Künstler zu übernehmen. Frau Möller habe der
Stiftung zur Auflage gemacht, fünfzig Jahre nach ihrem Tod
ein Weltgemälde in Auftrag zu geben und drei erste
Kräfte damit zu betrauen. Frau Möller habe
verfügt, das Gemälde unter kalifornischer
Wüstensonne zu schaffen. Die Maler hätten
genügend Licht, und die Wüste sei der Ort, ein
Weltgemälde in Angriff zu nehmen. Mein Honorar
entspräche der Bedeutung meiner Aufgabe, an die ich auf
ein Jahr gebunden sei. Das Nähere müsse besprochen
werden. Ich möge ihn sofort unter der angegebenen Nummer
anrufen.
Einige Freunde wussten, dass sie mir
über den Lehrling eines Computergeschäfts, der mich
gegen ein Trinkgeld an der Technik teilnehmen ließ, ein
Fax schicken konnten. Einer aus dieser Freundesbande hatte sich
wohl einmal mehr auf meine Kosten einen Scherz erlaubt. Dabei
beschäftigte ich mich gerade damit, meinen Rücken an
über sechshundert Spezialnoppen zu reiben. Genauer, rieb
ich nicht ihn selbst, sondern ein an ihm befestigtes
Katzenfell, damit die Noppen die lästigen Katzenhaare
erfassen könnten. Ich arbeitete an einem Patent gegen
Katzenhaare auf Polstermöbeln, an Gardinen, im Ehebett, in
Speisen und Getränken, das den Haltern ihre Wohnung trotz
der Katze angenehm bewohnbar erhalten sollte.
Katzschön wird in einer Zimmerecke
in Brusthöhe des Tieres angebracht. Die Grundfläche
ist mit Noppen überzogen. An einer Seite ist ein
Behältnis für einen Flüssigduftstoff angebracht,
den die Katzen gerne riechen. Den Duftstoff hatte Albert, mein
Partner in diesen Dingen, entwickelt. In jahrelangem Umgang mit
seinen zahlreichen Katzen hatte er hinreichend Erfahrung
gesammelt. Verfilzte Haarteile und Knoten würden
aufgelöst. Das Tier würde von seinem Besitzer noch
mehr geliebt. An die Lieblingswand der Katze angebracht,
erfüllt Katzschön, selbstklebend und aus stabilem
Plastik, seine Funktion. Würde es nur jeder
fünfzigste Katzenfreund im Land kaufen, wir wären
zumindest wohlhabend. Außerdem muss der Duftstoff
nachgekauft werden.
Ich befand mich jedoch im Stadium des
Reibens und Scheuerns. Bevor ich die zwölf Katzen meines
Freundes Albert einsetzen konnte, mussten die Noppen ein
Mindestmaß an Verträglichkeit aufweisen. Sie
zerrissen bisher lediglich mein umgebundenes Katzenfell, und
ich fürchtete um Brust, Bauch und Rücken, sollte mir
das Fell verrutschen. Die Kosten jedenfalls stiegen mit dem
Ausbleiben des Erfolgs.
Die Arbeit an diesem Patent gehörte
zu einer Produktpalette. So planten wir bereits die
Katzenkratze aus Spezialkarton zur Krallenpflege, ein
französisches Patent. Noch hieß es Griffoir Pour
Chat mit der Unterzeile Avec De L'Herbe A Chat. Hieße es
erst Katzenkratze (Aromatisiert), gewännen wir auch den
deutschen Markt. Auch hierfür fand Albert einen Duftstoff,
diesmal als Imprägnat. Pussy-Roll hingegen schärft
die Krallen. Im Innern der Kunststoffrolle mit
Teddyfellüberzug verwendeten wir ein Glöckchen.
Kratzt das Tier an der Rolle, dreht sich das Glöckchen.
Fast fertig war die Entwicklung unseres Fell-Pflegehandschuhs
mit den sanften Gumminoppen. Die Fellpflege läßt
sich mit dem für Tier und Halter notwendigen Streicheln
und der Hygiene für den Streichelnden selbst verbinden.
Rasch fanden wir auch zu Logenplatz. Der
Kuschelplatz für die Fensterbank erwies sich als stabile
Sperrholzplatte von circa 29x42 Zentimetern. Sie ist gepolstert
und hat einen Bezug aus weichem Synthetikmaterial. Mittels
einer beigelegten Schraubklemme wird sie am Fensterbrett
befestigt, ohne dass zuvor gebohrt werden muss.
Im Verlauf der gemeinsamen Arbeit an
diesen Produkten beliefen sich unsere Kosten, das heißt
diejenigen Alberts, der das Unternehmen finanziell trug, auf
achtundzwanzigtausend Mark, Arbeitszeit und Verdienstausfall
nicht eingerechnet. Noch war kein Ende abzusehen. Alle Patente
benötigten zudem industrielle Partner.
Es war über der Arbeit an Fell und
Noppen Abend geworden. Es klingelte. Erneut brachte der
Lehrling ein Fax. Ich schuldete ihm bereits zehn Mark. Ich
begann nicht nur Hauskatzen zu hassen, sondern auch die
Späße meiner Freunde, die sie schließlich
billig kamen. Faxten sie doch auf Kosten ihrer Firma.
Diesmal ließ mich der
Geschäftsführer der Antonie-Möller-Kunststiftung
wissen, dass er auf dem Weg von Antwerpen nach Arnheim sei.
Insofern stimme die im ersten Fax angegebene Rufnummer nicht
mehr. Frau Saftleven, seine Sekretärin, schicke mir vom
Büro aus diesen Brief. Ich möge ihn am besten gleich
im Auto anrufen. Dort hätte er, besonders während der
Staus, genug Muße, die Materie mit mir durchzusprechen.
Mit mir konnten sie ihre Späße
treiben. Nach meinem Studienabschluß in den Fächern
Kunstgeschichte und Archäologie sowie nach mehreren
Semestern als Gasthörer in Betriebswirtschaftslehre schlug
ich mich mit dem Verkauf von meist unsignierten Gemälden,
Zeichnungen sowie Graphiken, oft an melancholisch gestimmte
Studienräte oder preisbewusste Sammler durch. Albert
drängte mich, eine Galerie für Katzengraphik zu
eröffnen. Only Cats schlug er als Namen vor. Meine
Träume von einer einträglichen Anstellung an einem
Museum oder in einem Auktionshaus waren mit dem Tod meines
Doktorvaters bereits vor der Probe auf dem Arbeitsmarkt
ausgeträumt gewesen. Bemühungen, dass ein anderer
meine Arbeit über einen Altar in einer Dorfkirche annehmen
würde, scheiterten daran, dass sich die Herren
untereinander hassten, zumal mein Doktorvater sich mit allen
Kollegen seines Faches bereits früh und endgültig
überworfen hatte. Ich blieb der einzige in meinem
Freundeskreis, der es mit Ende dreißig noch zu nichts
gebracht hatte. Zum Trost brachten mir die Freunde
Parmesankäse aus Mailand mit oder faule
tausendjährige Eier aus Taiwan oder Wildbienenhonig aus
dem brasilianischen Urwald. Stets jedoch die
Seifenstückchen und Duschhauben aus den Hotels, die mit
zunehmendem beruflichen Aufstieg aus immer besseren
Häusern stammten. Für sie war ich derjenige, mit
dessen Hilfe sie sich hin und wieder wehmutsvoll an die eigene
Jugend erinnerten. Da ich lediglich ein interessierter
Zuhörer blieb, der nichts aus ihrem aktuellen Lebenskreis
beizutragen vermochte, dachten sie immer seltener an mich. Seit
ich mit Albert an der Produktpalette arbeitete, schickten sie
mir manchmal Briefe wie diese. Jetzt würde ich dem
Spaß ein Ende bereiten, den Lehrling bitten, mir keine
Briefe mehr zu bringen.
Trotzdem sah ich mir dabei zu, wie ich
die angegebene Rufnummer anwählte.
(...)
"Bremmer.”
Den Namen kannte ich nicht. Die Stimme
auch nicht.
"Bist du's, Rainer?”
"Nein, Bremmer, der Sekretär
der Antonie Möller-Stiftung. Sie sind sicherlich Herr
Vogt. Ich freue mich, dass Sie anrufen. Was halten Sie von
unserem Angebot?”
Ich schwieg. Hatten sie sich diesmal
etwas Besonderes ausgedacht? Sei es drum, ich spiele das letzte
Mal mit, dachte ich wehmütig, da mich diese Spiele
letztlich erheiterten und mir bewiesen, dass meine Freunde auf
ihre Art an mich dachten.
"Sind Sie noch am Apparat, Herr
Vogt?”
"Das mit Katzschön erweist sich
als ungemein schwierig, Rainer. Die Noppen reißen den
Katzen reihenweise die Bäuche auf. Wann fliegst du wieder
nach Rio?”
"Nein, nein, Herr Vogt, ich bin
nicht Rainer. Rainer hat Sie mir empfohlen, und das mit den
Katzen hat er auch erzählt. Organisieren könnten Sie
noch von ihrer Studentenzeit her. Sie haben keine Kinder. Keine
Gemahlin. Sie haben Kunstgeschichte studiert. Sie sind der
Mann, den wir brauchen.
Rem, Els und Seg werden Sie mögen.
Dies sind die Maler, die wir engagiert haben. Sie arbeiten
anfangs unter Decknamen. Das erhöht die Spannung auf dem
Markt. Sagen Sie jetzt nicht, sie vertrügen keine Hitze.
So, ich stecke im Stau. Jetzt stehe ich ganz zu ihrer
Verfügung.”
"Was bedeuten Rem, Els und Seg? Das
klingt wie eine Firma.”
"Das sind sie gewissermaßen
auch. Sie erstellen ein fünftausend Quadratmeter
großes Gemälde, dem Frau Möller bereits den
Titel Weltgemälde gegeben hat. Malen können die drei,
das ist das Wenigste. Die Organisation ist alles. Und das
bedeutet für Sie mehr als Pinsel und Leinwand besorgen.
Frau Möller wollte das Bild dem Völkerbund schenken.
Jetzt erhält es die UNO in New York. Der
Generalsekretär hat die Schenkung vorab angenommen.
Ihr Honorar beträgt
einhundertzehntausend Gulden plus Wohnung, Essen und
Sozialversicherung. Sie fragten wegen der Namen? Rem wie
Rembrandt. Els wie Elsheimer. Seg wie Seghers.”
"Und meine Patente? Ich kann Albert
doch nicht sitzenlassen. Er hat schließlich die
achtundzwanzigtausend Mark investiert?”
"Wer ist Albert, was ist mit den
achtundzwanzigtausend Mark, ich verstehe nicht?”
"Einhundertzehntausend sagen
Sie?”
"Gulden, ja.”
"Dann bekommen Rem, Els und Seg
Millionen.”
"Die Honorare tragen sich durch die
Vermarktung des Werkes.”
"Rainer hat mich Ihnen
empfohlen?”
"Ich traf ihn neulich auf der
Währungskonferenz. Ich suchte einen Mann wie Sie. Da sagte
er, den habe ich für dich gefunden.”
"Was mache ich mit meiner
Wohnung?”
"Ich habe Ihnen ein Angebot gemacht.
Die Organisation ist ihre Sache. Dafür werden Sie
schließlich bezahlt.”
Keine dummen Fragen mehr. Der Mann schien
es ernst zu meinen oder Rainer wäre nicht mehr mein
Freund.
"Natürlich. Das sind keine
Probleme. Nur kommt es etwas plötzlich. Ich arbeite gerade
an einem komplizierten Patent. Doch Ihr Angebot interessiert
mich. Im Prinzip mag ich Katzen als Haustiere gar nicht. Nur
Wildkatzen. Ich habe Kunstgeschichte studiert, ich will mit
Künstlern zusammenarbeiten. Könnten wir uns
sehen?”
"Nehmen Sie morgen früh eine
Maschine nach Amsterdam. Wir treffen uns um zwölf Uhr im
Restaurant Boerderij. Das ist in der Nähe des
Rijksmuseums, in der Korte Leidsedwarsstraat 69. Haben Sie die
Adresse?”
"Ja. Ich weiß, wo das
Rijksmuseum ist.”
"Also abgemacht, morgen um
zwölf Uhr. Ich freue mich. Bis morgen, Herr Vogt.”
"Bis morgen. Ich freue mich
auch.”
Bremmer legte auf. Langsam legte ich auf.
Wenn das mit dem Treffen ein Scherz wäre, flöge ich
mit einem Linienflug nach Amsterdam und zurück. Dazu die
Taxikosten. Keinesfalls konnte ich mich abgehetzt bei Bremmer
zum Essen melden.
Woher sollte ich das Geld für den
Flug nehmen? Die Arbeit an Katzschön hatte mich vom
Bilderverkauf abgehalten. Ich musste ein Opfer bringen, auch
wenn es vielleicht umsonst war. Zögernd trat ich vor meine
Bücher. Entnahm, erst schweren Herzens, dann mit
plötzlich erwachter und seltener Entschlusskraft einige
der wertvolleren Bände meines verstorbenen Vaters, von
denen ich glaubte, dass ich mich nie von ihnen würde
trennen können.
Vielleicht konnte ich sie mit dem Gehalt
der Antonie-Möller-Stiftung zurückkaufen.
Sicherheitshalber legte ich noch einen Band dazu. Dann noch
einen. Es war fünf Uhr nachmittags. Ich erkundigte mich,
wieviel ein Tourist-class-ticket nach Amsterdam und zurück
kostete, stellte aufatmend drei Bände wieder ins Regal
zurück und lief zu meinem Antiquar.
Ich buchte ein Ticket für sieben Uhr
fünf, packte vorsichtshalber meine Zeugnisse ein, legte
meine beste Kleidung zurecht und obendrauf den Ausweis. Zuletzt
stellte ich den Wecker auf fünf Uhr früh und ging zu
Bett.
(...)
Im Museum sah ich mir lange eine
Landschaft von Hercules Seghers an.
Wäre der Abschied von den Hauskatzen
nicht lediglich ein Wechsel des Fluchtterrains? Diesmal aber
mit Lohnsteuerkarte und Sozialversicherung!
Um zwölf Uhr mittags betrat ich
entschlossen das Boerderij.
"Sie möchten zu Herrn Bremmer?
Bitte folgen Sie mir, bitte sehr.”
"Sie sind Herr Vogt.”
"Und Sie Herr Bremmer.”
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