Edition 6065
Verlag für regionale Kultur und Geschichte
gegründet 1995
von Brigitte Forßbohm
Der Zug in die Fremde
Ein Leben als Bauernjunge und Gastarbeiter
Giuseppe Bruno, Jahrgang 1945, erzählt mit viel Humor und bemerkenswerter Offenheit über sein Leben als Bauernjunge in Sizilien und als Gastarbeiter in Frankfurt am Main. Seine Geschichten dokumentieren zugleich die Erfahrungen der ersten Generation der Arbeitsemigranten aus dem Süden Italiens.
Leseprobe

Die beiden Stotterer
Zio Graziano stotterte so schlimm, dass er im Dorf immer „Graziano, der Stotterer“ gerufen wurde. Bei uns kannte man sich nur unterm Spitznamen – ich habe meinen bis heute: „Pfannekuchen“ – „Mastazuolu“.
Ich habe mit sechs Jahren erlebt, wie dieser Graziano einen anderen Stotterer mit dem Gewehr bedroht hatte. Er wollte mit dem Zug nach Gela fahren und löste am Bahnhofsschalter eine Fahrkarte, wobei er ins Stottern geriet. Da fing der Beamte auch an zu stottern und die beiden warfen sich die übelsten Beleidigungen an den Kopf. Jeder warf dem anderen vor, dass er ihn beim Stottern nachmachte. Zio Graziano vergaß vor Wut seinen Zug. Er lief auf die Piazza, wo ich gerade spielte. Da ging plötzlich ein Raunen durch die Menge, denn Zio Graziano war mit einem Gewehr (ohne Waffenschein) bewaffnet und drohte wild gestikulierend den Bahnhofsvorsteher zu erschießen. Da Zio Graziano an der rechten Hand keinen Mittel- und Ringfinger hatte, dachte der Bahnhofsvorsteher, Zio Graziano zeigte ihm die „Hörner“7, eine Geste, die bei uns eine tödliche Beleidigung war und ist. Zum Glück kamen die Carabinieri: Sie nahmen Zio Graziano fest – wegen des Waffenscheins, den er nicht hatte – und beide wurden aufgeklärt, dass der andere auch stotterte.

Ein altes Rezept rettet mein Leben
Mit fünf Jahren nahm mein Vater mich nach „San Nicola“ mit. Dort wächst weit und breit kein Baum, weil der Boden aus Lehm ist. Damals bekam ich zum ersten Mal einen Sonnenbrand – mit bedenklichen Konsequenzen. Er war so schlimm, dass alle dachten, ich würde sterben. Das Chinin wirkte nicht. Nach vier Tagen, in denen ich keinen Urin lassen konnte, legte man mich ins große Bett mitten ins Zimmer. Alle warteten auf meinen Tod. Schon kam Cucuzzedda8 der Dicke, unser Pfarrer, um mir die Beichte abzunehmen. Vom Bett aus kam er mir riesig vor. Dann kam das gesamte Dorf angelaufen, um mich zum letzten Mal zu sehen. Es war sehr schön im Mittelpunkt zu stehen, beziehungsweise zu liegen. Nur Vater machte mir Konkurrenz. Ich hörte die Kommentare der Nachbarn: Was für ein Pech für meinen Vater, der hätte nun keinen Stammhalter mehr. Anstatt um mich zu trauern, bedauerten die meinen Vater!
Da kam meine Oma auf die Idee, mir gekochte Zwiebeln auf den Bauch zu legen. Der Geruch sollte mich heilen. Das ging drei Tage lang, dann leerte sich die Blase ohne Chinin. Nun begann eine schöne Zeit, denn ich bekam gutes Essen. Ich habe sogar Eier bekommen, die Mama sonst für Vaters zahmes Frettchen9 reservierte. Vater war nämlich auch Jäger und hatte – wenn schon keinen Jagdhund – wenigstens ein Frettchen. Mamas Hühner, mindestens zehn, waren nachts in einem Käfig im Stall, tagsüber auf der Straße und in der Wohnung.