Edition 6065
Verlag für regionale Kultur und Geschichte
gegründet 1995
von Brigitte Forßbohm
Otto Winzen

Der Fürst frühstückt

Berichte aus der Welt der Flughunde

21x13 cm, Einband farbig brosch., 25 Zeichn. s/w.,
116 Seiten, ISBN 978-3-9810365-9-6,
EUR 11.90

Mit Federzeichnungen von Frank Grüttner



Leseprobe
Otto Winzen

Zwei Kaninchen, zwei Puppen


Sie hatte die zwei noch ganz jungen Kaninchen in ihre Manteltaschen gesteckt. Sie waren ihr das Kostbarste, was sie auf die Flucht mitgenommen hatte. Alles andere war ihr nicht so wichtig gewesen wie diese beiden. Außer ihrer Puppe, aber die hatte sie zurücklassen müssen.
Sie glaubte wirklich, dass niemand die Kaninchen in ihren Taschen entdecken würde, die aufgebauscht waren, von ihrem Körper abstanden und sich stets ein wenig bewegten.
Sonst hatte sie nur Angst. Angst um die Tiere. Angst vor den Bomben. Vor den russischen Soldaten. Angst vorm Krieg. Es war Winter 1944. Draußen herrschten mehr als zwanzig Grad Kälte, im Zug waren es etwas weniger.
Es gab keine Heizung, kaum jemand hatte etwas zu essen, ein wenig Brot, einige Äpfel, Eingemachtes. Es gab so gut wie nichts zu trinken. Man nahm sich Schnee, wenn man wieder einmal den Zug hatte verlassen müssen.
Es war so kalt, dass sich die Flüchtlinge ganz eng aneinander drückten, um sich am andern zu wärmen. Bei Bombenangriffen mussten sie immer wieder in die noch größere Kälte hinaus.
Sie hatte weniger Hunger als Angst. Sie war zwölf Jahre alt. Sie war geflohen mit ihrer Mutter, deren Schwester, ihren beiden Schwestern und den beiden Kaninchen.
Die wurden aber bald nach der Abfahrt entdeckt und sofort aus dem Zugfenster geworfen. Es war ein Schock für sie. Sie konnte keinen Abschied nehmen, sie konnte bloß sicher sein, die Tiere würden keinesfalls überleben.
Die Kaninchen waren ein Ballast, den man einfach nicht dulden konnte. „Sie wären ohnehin beim gegenseitigen Wärmen erdrückt worden“, versuchte die Mutter sie zu trösten. Doch es gab keinen Trost. Ihr junger Lebensinhalt war aus dem Fenster geworfen worden. Ihr blieb nur noch die Angst.
Angst, die Farben annahm, ein Giftgrün, ein schmutziges Türkis, ein verwaschenes Blaugrau.
Es gab keine Toiletten, nur grässliche Gerüche und Demütigungen. Sie blieb von da an zeitlebens eine schlechte Esserin.
Eine Woche dauerte die Zugfahrt. Dann waren sie im Thüringischen angekommen. Anfangs hatten sie ein Bett zu fünft. Die Erwachsenen schliefen in einem Stuhl oder auf dem Boden.
Sie hatte immer bloß Angst. Vor dem Alarm, den Bomben, vor den Soldaten. Sie machten sich hässlich zurecht, für den Fall, dass die Russen kämen, und hofften, dass die Amerikaner schneller sein würden.
Kurz vor der Flucht hatte sie zum ersten Mal ihre Tage bekommen. Sie kamen erst wieder als sie Anfang zwanzig war. Sie erkrankte an Gelbsucht und wurde eine noch schlechtere Esserin.
Die Angst blieb noch lange ein treuer Begleiter. Besonders, nachdem die Amerikaner, die die Schnelleren waren, das Gebiet mit den Sowjets wieder getauscht hatten. Da flüchteten sie erneut, diesmal ins Bayrische hinüber.
Die Mutter schenkte ihr zum Geburtstag unter großen Mühen eine schöne große Puppe. Sie lehnte zum Bedauern der Mutter das Geschenk ab. Ihre Puppe hatte zurückbleiben müssen. Ihre Kaninchen waren tot. Sie wollte keine Puppen mehr.


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Brigitte Forßbohm
Wiesbaden 2008
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