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Edition 6065
Verlag für regionale Kultur und
Geschichte
gegründet 1995
von Brigitte Forßbohm
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Otto Winzen
Der Eiserne Hain
Leseprobe
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Der Geist
Jakob saß an seinem Schreibtisch.
Wenn es denn wahr wäre, dachte er,
dass ein Spiegel zuweilen die Seele des Betrachters
festhält und so dessen Tod zeitigt, dann schaue ich
bedenklich oft in den Spiegel.
Er sah auf den Panzer des Erzengels
Michael und die Erdkugel zu Füßen des Herrn, in
denen jeweils ein Jüngstes Gericht gespiegelt wurde. Waren
es Bangigkeit und Hoffnung der wiedererweckten Toten, denen
gerade Himmel oder Hölle zugeteilt wurde, die ihn anzogen,
oder hoffte er, sich dort auf der Seite der Seligen zu finden?
Vielleicht aber lag ihm mehr noch daran, dem Erzengel beim
Walten der Gerechtigkeit zuzuschauen?
Hatte Jakob einen guten Tag, besaß
er die Kraft, seinen Blick von Panzer und Erdkugel weg und auf
das dort nur winzig gespiegelte Geschehen selbst zu richten,
auf ein breit angelegtes ‘Jüngstes Gericht‘,
auf Landschaften aus Hoffnung wie aus Angst, aus Selig- keit
oder Verdammnis. Dann malte er sich im Geist den Tod ins Bild.
Ihn wollte er selbst am Tage des Jüngsten Gerichts nicht
missen.
Jakob blätterte in einer zu Danzig
erworbenen Mappe. In ihr lag das in fünfjähriger
Arbeit entstandene Altarwerk des Malers Hans Memling
reproduziert vor ihm.
Er erkundete gleichsam seinen
Wirkungsgrad im Leben. Nicht der allmorgendliche Spiegelblick
während der Rasur verlieh ihm Gewissheit, sondern die
stete Spiegelung in der Erdkugel, im Panzer des Rächers
Michael, als eines Bewohners der Kugel, der sich stets auf ihr
sucht.
Sah er sich endlich im Panzer des
Erzengels, so hatte er noch nicht sein Antlitz auf der Kugel
gefunden.
Es gab Wochen, ja Monate, da fand er sich
nur im Panzer wieder, sah sich als einen Geistigen, dem es
nicht vergönnt war, sein Antlitz auch noch der Erdkugel
zuzuwenden, geschweige denn, sich auf ihr zu finden.
Dann wünschte sich Jakob einen
tatkräftigen Geist im Sinne Michaels, der Gerechte wie
Sünder wog und entschied, ob sie Petrus die Hand geben
durften oder Satan.
Es gab sogar Augenblicke, da hatte er
sich zu tief in der Erdkugel verloren und darüber seinen
Geist gefährdet.
Es gab aber auch die seltenen Tage, da
spürte Jakob, dass er im Sinne des Erzengels säte,
sich in Panzer und Erdkugel spiegelte und sein Gesicht in
beidem fand.
Dann besaß er die Kraft, sich ganz
dem Geschehen auf dem Altarwerk zuzuwenden, vornehmlich den
seligen Jünglingen, die Memling an der Schwelle zur
Paradiesespforte stehend gemalt hatte.
Darum war er akademischer Lehrer
geworden, bereitete er junge Menschen auf den Eintritt durch
eben jene Pforte vor. Sie sollten die Moral stets zu
Füßen Michaels und des Herrn suchen.
Im Spiegel der Welt mussten sie lernen,
ihr Antlitz zu finden oder eine Fratze. Auf diesem Weg aber
hatten sie noch manchen Tod zu
erleiden, um vom Erzengel dereinst zur
Seligkeit erweckt zu werden.
Zudem beeindruckte ihn die Geschichte des
Altars, der, 1473 fertiggestellt, sogleich einen romanhaften
Irrweg antrat.
Das Auftragswerk Memlings war für
einen norditalienischen Handelsherrn bestimmt und nach dessen
Wohnort eingeschifft worden. Dass es trotzdem nach Danzig in
die Marienkirche zu stehen kam, verdankte es einem kurzen
Seegefecht, in dessen Folge die Sieger es als Beute mit sich
nach Danzig führten.
Dort stand das Werk noch immer, doch war
es 1806 im Rahmen der napoleonischen Kriegszüge nach Paris
geschafft und im Louvre ausgestellt worden.
Erst Blücher oblag es, den Befehl
zur sofortigen Rückführung des Altars nach dem Sieg
über Napoleon im Jahre 1815 zu geben.
Diese Tat zeigte Blüchers aktive
Spiegelung in Panzer und Erdkugel zu Füßen Christi
und Michaels, vor dem Blücher keine Angst zu haben
brauchte.
Jakob erhob sich. Er trat ins Bad, wusch
sich die Hände und ord- nete die Krawatte. Die
Mittwoch-Vorlesung stand bevor. In spätestens
fünfzehn Minuten musste er das Haus verlassen haben.
Wir brauchen eine gelebte
Vaterlandsliebe, dachte er, ganz im Sinne des Freiherrn vom
Stein. Hinzu treten Männer wie Gneisenau. Das Vaterland
aber war das unerreichbare Gegenüber. Es kam nie zur
Verschmelzung zwischen demjenigen, der sein Vaterland
grenzenlos liebte und diesem selbst. Es blieb die absolute
Größe, die der aufopfernden Liebe bedurfte, sich
dieser aber nicht ergab.
Wer dennoch eine Verschmelzung
verhieß, sprach Jakob bereits im Geist zu seinen
Studenten, betrieb sein politisches Geschäft. Das Studium
der deutschen Befreiungskriege hatte gezeigt, dass nur der
Kampf für ein unerreichbares Ziel Großes zu
gebären vermochte, indem er auf das erreichbare Ziel, den
Sturz Napoleons, zuging und auch bei ihm anlangte. Echter
Patriotismus focht für ein Ideal. Anders dagegen jene Gier
nach Ämtern, die Jakob erneut mitansehen musste, vor dem
Ersten Weltkrieg und nun wieder.
"Alles wird sich wiederholen",
sprach er leise vor sich hin, "nur größer
diesmal. Erneut sind die französischen Kathedralen in
Gefahr. Ich habe immer versucht, den Geist des
Straßburger Münsters als das Maß der irdischen
Dinge zu zeigen", murmelte er wie zur Rechtfertigung.
Jakob war erneut in eine Krise geraten,
ähnlich derjenigen zur Zeit des Ersten Weltkriegs, als
sich ihm damals bereits die Pflicht, das deutsche Wesen zu
lieben, nervös auf seinen Magen gelegt und ihm das
Gemüt angefressen hatte. Den moralischen Hunger, der an
der Seele einen Freitisch fand, soviel nur übriglassend,
dass es für Jakob noch zu einer geachteten Lehrstuhl-
existenz gereicht hatte, fürchtete
er wieder und wusste nicht, wie er seine Seele schützen
sollte.
Zeigte ihm Satan lediglich ein endliches
Bild, oder war der abend- ländische Geist tatsächlich
ein Bündnis mit seiner Zerstörung eingegangen?
Hatte er, Jakob, all die Jahre über
mit zu seinem Ende beigetragen?
Vielleicht trieb dieser gar sein Spiel
mit ihm, wohl wissend, dass es hierzu Künder wie Jakob
bedurfte?
Er formte sich einmal mehr die Vision
eines glorreichen Endes.
"Und ich wäre noch einmal
aufgerufen zu verkünden", rief er in den
Badezimmerspiegel.
In Jakobs Schau war dennoch sein Ende
inbegriffen. Vom Geist beseelt. Schmerzlos. Was ihn künden
ließe, würde mehr eine sich abspulende Mechanik
sein, die ihm auf einige Zeit vielleicht noch zu Gebote
stünde.
"Ich will ihnen die Bedeutung des
Hains vor Augen führen", sprach er weiter.
"Wo anders können sich
Studenten der Germanistik aufhalten als am Sitz germanischer
Dichtung, dessen Name nicht ohne Grund mit Freund Hein
zusammenfällt, manchmal auch Hain geschrieben, jener
Abkürzung des schönen Namens Heinrich als dem Namen
für den treusten Gefährten unseres Lebens?"
Althochdeutsch hagan, führte er
still seinem Gegenüber aus, der Dornstrauch, dem sich auch
die Göttinger Hainbrüder zuwandten, sich in
seinem Zeichen zu verbünden.
Was meine Studenten auf ihren
Schulbänken damals, über den ‘Gallischen
Krieg’ gebeugt, nicht verstanden haben, dies holen wir
nun nach.
Er feilte kurz über seine
Fingernägel, als gäbe er Befehle.
"Nur wer sich der Idee des
Vaterlands frei unterwirft, kann Großes
hervorbringen", rief er, während er sein Haar mit
einem Schildpattkamm scheitelte.
Danach stäubte er sich mit einem
leichtherben Eau de toilette ein.
"Der Kometensommer des Jahres 1811
liegt weit zurück, und Steins Kladde ist für Herrn
Hindenburg wohl nur noch ein schmutziges Heft. Vor der Leere
des Todes aber steht wieder der Sinn des Sterbens. Er
findet seine Verkörperung im Kriegsfreiwilligen."
Jakob hatte das Bad verlassen, war in
seine Anzugsjacke ge- schlüpft, der Hut saß
einwandfrei auf dem Kopf, und die Akten- Tasche aus Rindsleder
lag fest in seiner Hand. Er sah auf die Uhr. Viel zu lange
hatte er im Bad verweilt. Er eilte auf die Straße.
Jakob beeilte sich die Straßenbahn
zu erreichen.
"Gneisenau war hierfür der
Richtige. Er hatte der alten Tugend gelebt: Viel leisten, wenig
hervortreten, mehr sein als scheinen. Gneisenau war noch ein
Selbstloser. Ich werde heute niemanden schonen."
Doch zunächst musste er mitansehen,
wie die Straßenbahn ohne ihn abfuhr.
Nun ja, dachte Jakob beherzt, leiste ich,
gleich Gneisenau, meinen Einsatz unter Hintansetzung der
Bequemlichkeit, gehe ich heute einmal zu Fuß.
Jakob fröstelte. Der Morgen war
kühl, und er hatte nicht damit gerechnet, laufen zu
müssen. Mit kurzen Schritten näherte er sich seiner
Wirkungsstätte.
Gneisenau und ich wollen dasselbe: Die
preußische Legion. Jakob bekannte sich zu einer Art von
Partisanentum, das darauf abzielte, auf seine Art aus dem
Gebirge heraus zu operieren.
Hierfür bedurfte es der
freigewählten Subordination. Zu dieser gehörte aber
auch hin und wieder der Ungehorsam, das hatte Jakob dem Leben
abgeguckt.
Den elenden Schlachtenbummler, diesen
Hund über dem Knochen des Kriegs, galt es auszuschalten.
Die Etappe musste zuerst sterben.
Jakob lief jetzt fast. Die
Möglichkeit einer Verspätung war ihm undenkbar.
Gneisenau und er wussten, dass nur das
Notwendigste in Form eines Befehls gegeben werden durfte. Dem
mit der Seele erkannten Auf- trag gehörte die Zukunft.
Dies war ein Führertum, das nicht mehr auf Befehle
wartete.
"Die Vorlesung ist mein Feld der
Ehre", sprach er leise.
Erschöpft erreichte er die
Universität und trippelte die Stufen zum Hörsaal
empor. Verschwitzt trat er ans Pult. Das Klopfen der Studenten
nahm er als Ansporn. Es ließ ihn seine Erschöpfung
vergessen. Pünktlich begann Professor Jakob mit der
Vorlesung.
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