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Edition 6065
Verlag für regionale Kultur und
Geschichte
gegründet 1995
von Brigitte Forßbohm
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Otto Winzen
Das signierte Haus
Leseprobe
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Das Marmormehl aus den Steinbrüchen
von Carrara lag noch in seiner Jackettasche. Midas fand es auch
an anderen Stellen des Sommeranzugs.
Er spürte eine Beklemmung. Sonst
atmete er dann tief durch.
Diesmal verbot sich ein tiefes
Durchatmen. Midas befand sich im Keller des Hauses. Er
saß im Schneidersitz auf einigen ausgedienten Matratzen,
die längst abgeholt sein sollten. Der
Universalschlüssel steckte von außen in der
Kellertür. Midas war eingeschlossen. Der
Ersatzschlüssel, den er stets bei sich trug, half ihm
somit nicht weiter. Es war Sonnabend, spät nachmittags.
Zin schlief im Haus. Midas hatte sie
erschöpft zurückgelassen.
Er war wütend, daß er keine
Notsprechanlage im Keller eingebaut hatte. Midas versuchte erst
gar nicht, gegen die Tür zu schlagen. Sie war zu dick.
Selbst an der Stahltür hatte er nicht gespart.
Das Wasser aus dem gebrochenen Rohr zu
seinen Füßen stieg von Stunde zu Stunde langsam an.
Und mit ihm auch die Exkremente seiner Nachbarn sowie die von
Angestellten und Besuchern einer nahegelegenen Behörde, an
deren Abwasseranlage auch die umliegenden Privathäuser
angeschlossen waren.
Der Gestank war unerhört. Midas
atmete so vorsichtig wie möglich. Angst, das Wasser
könnte ihn ertränken, hatte er nicht. Er konnte einen
solchen Tod gar nicht denken. Midas dachte daran, sich
möglichst wenig zu beschmutzen, auch an die Weinflaschen,
die er in den zweiten Kellerraum umgeschichtet hatte.
Seine Sammlung kostbarer Bilderrahmen
befand sich ebenfalls dort.
Seine Frau fand unterdessen keinen
Schlaf. Zin war zu erschöpft. Immer wieder änderte
sie in ihrem automatisch verstellbaren Bett die Position.
Zin lag gerade flach ausgestreckt, als
die Batterie ihren Dienst versagte. Für einen Moment bekam
sie Angst, da sie glaubte, ohne die Automatik nicht wieder in
die Sitzposition gelangen zu können. Erleichtert fiel ihr
ein, daß sie sich einfach aufrichten mußte, wenn
ihr danach zumute war.
Sie war wütend, da Midas das neue
Haus so angelegt hatte, daß er alles darin
überwachen konnte. Türlos hingen die einzelnen
Räume im großen und hohen Haus, als einzelne
"Wohnplatten”, wie Zin sie nannte. Elegante Gitter
schützten vor dem Absturz. Durch Treppen waren die Platten
miteinander verbunden. Ganz oben hatte Midas seine
Arbeitszimmerplatte, von der herab er die Küche, die
Arbeitszimmerplatte Zins, den Flur sowie die erste und die
zweite Wohnzimmerplatte übersehen konnte. Lediglich
Schlafzimmerplatte, Bad, Gästetoilette, Entree und wenige
tote Wohnzimmerplattenwinkel waren für ihn nicht
einsehbar. So konnte er Zin vom Himmel aus Anweisungen beim
Kochen und dem Aufstellen der Blumenarrangements geben oder sie
beim Ausstellen von Rechnungen beobachten, während sie ihm
dabei meist den Rücken zukehrte.
(...)
Midas fütterte jetzt oft
Schwäne. Er dachte daran, wie Zin beim ersten Anblick des
Hauses ausgerufen hatte: "Das ist ein Wehrturm. Von dort
oben aus können wir Pech und Schwefel auf unsre Feinde
schütten.”
Dieser Satz hatte ihm gut gefallen. Das
Haus sollte seinen Geist atmen. Um so mehr schmerzte ihn die
Unachtsamkeit der Handwerker. Als die eines Tages die
Badezimmertür anstelle eines Außenfensters
eingesetzt hatten und das Fenster anstelle der
Badezimmertür, hatte er wütend den Meister
aufgefordert, die Badezimmertür einmal zu benutzen. Die
Saboteure hatten mit den Schultern gezuckt und alles wieder
ausgewechselt.
(...)
Bis zu dem Tag, als er morgens auf der
vorderen Hauswand die Aufschrift "Nichts sicher /
außer der Tod” aufgesprüht vorfand, waren die
Tauben seine ärgsten Feinde gewesen.
Bald kannte er alle Signets der
Fassadensprüher. Fast freundschaftlich tauschte er neu
gefundene mit dem zuständigen Kommissariat aus.
Den Jugendlichen, deren Namen und
Anschriften die Polizei zwar kannte, denen sie aber nichts
Konkretes nachweisen konnte, ließ er durch den Kommissar
Geld dafür anbieten, daß sie sein Haus verschonten.
Sie lehnten ab: Was ihren Vätern der Golfplatz, seien
ihnen die Hauswände. Der Kommissar hatte Midas die Antwort
vorausgesagt. Die Stadt hatte den Jugendlichen bereits ein
weitaus höheres Geldangebot gemacht.
Nun wachte er abends vor seinem Haus,
tauchte unvermittelt vor dem Hintereingang auf, kämpfte
gegen Phantome. Sechs schwere Sprühanschläge waren
bisher verübt worden. Er hatte das Haus gerade erneut
herrichten lassen, da es am nächsten Tag von dem
berühmten Architekten signiert werden sollte (...)
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