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Edition 6065
Verlag für regionale Kultur und
Geschichte
gegründet 1995
von Brigitte Forßbohm
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Otto Winzen
Ich bin so schön
Reisen ins Innere der Mondin
Leseprobe
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Jahreszeitliche Blattsalate
Die Tage, an denen Cleo, Zoe, Cora und
Caro keinen Salat aßen, waren im jahreszeitlichen
Rhythmus so selten, dass sie der Aufzählung nicht lohnten.
Selbst Tage, an denen sie nur einmal Salat aßen, waren
rar, sodass man sagen konnte, nur Tage, an denen sie keinen
Salat aßen, bedurften einer besonderen Erwähnung.
Meist waren dies Tage der Schwäche,
der Niederlagen, der Frustration. Oder aber der
Ausgelassenheit, die es ihnen dann ermöglichten, die
restlichen Tage des Jahres, des Lebens, also die Salattage,
überhaupt erst zu bewältigen. Diese wenigen Stunden
rückhaltlosen Genusses, ganz gleich, worin er dann
bestand, konstituierten so etwas wie ein kulinarisches Korsett,
um sich mit dem letzten verschlungenen Bissen wieder der
Salatexistenz bewusst zu werden, die nun die nächste Zeit
wieder bestimmen würde, bis zum nächsten Exzess, der
wieder bewusst machte, dass man für Stunden des
Salatblattes nicht bedurfte, um wieder einen herzhaften Urbiss
zu verspüren, der zeigte, warum man überhaupt Eck-
und Schneidezähne besaß, und der einem
beglückend offenbarte, dass dieses Leben auch kulinarisch
schön sein konnte, wenn auch nur für Stunden und dann
mit der dann sofort einsetzenden Reue nach dem letzten
genossenen Bissen belastet.
Diese seltenen Stunden eines mediokren
Glücks, denen sie nie ganz richtig trauten, wussten sie
doch um die mitunter verheerenden Auswirkungen auf der Waage,
sie waren es, die sie überhaupt erst zu sozialen Wesen
machten, glich doch das tägliche und
generalstabsmäßig betriebene Verzehren von zumeist
gemischten Blattsalaten so sehr einer rituellen Handlung, die
alle anderen Esser ausgrenzte, als seien die Salatesserinnen
gleichsam das auserwählte Volk Gottes und der Rest der
Esser tumbe Sünder, die es niemals verstünden, zu dem
Kreis der dauerhaft Verzicht leistenden Frauen zu gehören,
die allein dadurch einzig waren, dass sie, letztendlich gegen
ihren innersten Willen, täglich Blatt um Blatt jene
Schlankheitshostien zu sich nahmen, die, wenn sie dereinst eine
ehrliche Lebensbilanz ziehen würden, zu nichts weiter
geführt hatten, als dass sie zwar schlank blieben, aber
angefüllt waren mit unerfüllten Wünschen und
Hoffnungen. Letztendlich griffen deshalb so viele Schwestern
der Salatblatt essenden Zunft, zumeist schwarz gekleidete
„Dünnchen“, immer häufiger und mit immer
größerer Inbrunst zur Zigarette, gleich nach dem
Essen des Salates, und saugten immer tiefer den Rauch der
Zigaretten ein, als gälte es, sich für die
entgangenen Freuden des Lebens schadlos zu halten, indem man
sich ein Stück weit selbst zerstörte, und dem
Körper das wieder nahm, was man ihm glaubte mit den
Blattsalaten schenken zu können, nämlich
Unversehrtheit und ewige Schönheit und Jugend ...
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