|
|
||||||||
|
Edition 6065
Verlag für regionale Kultur und
Geschichte
gegründet 1995
von Brigitte Forßbohm
|
|
|||||||
|
|
||||||||
|
Björn Lewalter. Axel Unbehend.
Raum. Kunst – Skulpturen in
Wiesbaden seit 1955
Leseprobe
|
|
||||||
|
|
||||||||
|
|
||||||||
|
Joseph Beuys
Aktion 7000 Eichen
Auf einer Wiese, etwas versteckt
unterhalb der Martin-Niemöller-Schule an der Bierstadter
Straße steht eine kleine Eiche und ein Basaltstein. Eiche
und Stein sind Teil des größten und umfangreichsten
Kunstprojekts das
jemals stattgefunden hat: „7000
Eichen“ von Joseph Beuys.
1982 wurde es zur documenta 7 unter
großem Aufsehen der internationalen Kunstszene begonnen.
Unter dem Aktionsnamen „Stadtverwaldung statt
Stadtverwaltung" sollten in Kassel 7000 Eichen als
„ökologisches Gesamt-kunstwerk“ gepflanzt
werden. Der letzte Baum wurde ein Jahr nach dem Tod des
Künstlers zur Eröffnung der documenta 8 im Juni 1987
gepflanzt.
Der 1921 in Krefeld geborene Joseph Beuys
hat bei Ewald Mataré an der Düsseldorfer Akademie
Kunst studiert. Später (1961 bis 1972) hatte er dort eine
Professur für Bildhauerei inne. Seine Kunst wurde
nachhaltig durch ein Erlebnis in seiner Biografie geprägt:
Im Zweiten Welt-krieg hat man ihn als Pilot über der Krim
abgeschossen und schwer verletzt. Tataren sollen ihn gesund
gepflegt haben, indem sie ihn mit Fett einrieben und in Filz
hüll-ten. Diese Erfahrung veränderte sein
Verständnis für Kunst und Natur grundlegend. Seiner
Meinung nach geht die innige Kraft der Natur der modernen
Zivilisation immer mehr verloren. Deshalb waren seine Aktionen
und Projekte seit den 1960er Jahren fast ausschließlich
vom Gegensatz zwischen Kunst und Natur geprägt.
Im Falle der 7000 Eichen ist es im
Besonderen der Kon-trast von Kraft, Wärme und
Beständigkeit der wachsenden Pflanze und der kalten,
kristallinen, erstarrten Form der Basaltlava. Das Projekt
verdeutlicht auch die Veränderungen im Werk von Beuys, der
in den 1980er Jahren seine Ideen der „Sozialen
Plastik“ auf die ökologische Skulptur übertrug.
Der Aktionskünstler setzt dabei ganz auf die
Möglichkeit des Einzelnen, sich grundlegend zu
ändern. Das Mittel dafür ist die Kunst. Die
„Soziale Plastik“ ist für ihn nicht das
Ergebnis einer künstlerischen Aktion, sondern das Produkt
aller Mitglieder der Gesell-schaft. Daher ist für ihn
„jeder Mensch ein Künstler“. Aus diesem Grunde
hat sich Beuys auch von einem Kunstkurs der
Martin-Niemöller-Schule überzeugen lassen, ihnen ein
Ensemble aus Eiche und Basaltstein zu verkaufen. Die
Schüler hatten sich bei einer Kursfahrt zur
documenta spontan für die Idee der
ökologischen Skulptur begeistert. Dies war das erste Mal,
dass ein Teil der Aktion auf eine andere Stadt übertragen
wurde.
Nachdem man Eiche und Basaltstein aus
Kassel geholt hatte, wurde ausgehend von dem Kunstlehrer Frank
Müller in den verschiedenen Unterrichtsfächern die
Auf-stellung vorbereitet: Der geeignete Standort musste
er-mittelt und eine Genehmigung vom Grünflächenamt
eingeholt werden. Diese interdisziplinäre Zusammenarbeit
fand ganz im Sinne von Beuys erweitertem Kunstbegriff statt:
Für ihn besaß Kunst die Kraft in alle anderen
Wirkungsbereiche auszustrahlen und diese zu beeinflussen. Die
Pflanzaktion fand dann in einer performanceartigen Zeremonie
auf der großen Wiese unterhalb der Schule statt.
Mit großem persönliche
Engagement kümmerten sich die Schüler in der
Folge um „ihre Eiche“: In den ersten Sommern wurden
Gießdienste eingerichtet und der Baum nach mehreren
gezielten Zerstörungsversuchen mit Baumharz gerettet.
Anscheinend war diese Aktion einigen konservativen Kräften
in Wiesbaden suspekt. Und so wundert es nicht, dass der
Beuys-Baum 1996 aus Nachlässigkeit fast einem Neubau (ASB)
an der Bierstadter Straße zum Opfer gefallen wäre.
Eiche und Basaltstein wurden schließlich um einige Meter
versetzt.
Heute führt kein Pfad mehr zu dem
Ensemble. Wer sich dennoch auf die lohnenswerte Suche nach den
Spuren dieser letzten großen Beuys Aktion begeben will,
muss von der Bushaltestelle Fichtestraße einige Meter
bergauf über die Wiese in Richtung Schule gehen. Jeder,
der sich auch im übertragenen Sinn auf den Weg zur
ökologischen Skulptur begibt, wird für Beuys zum
Bestandteil der sozialen Plastik. Diese Bezeichnung meint die
Ideen, die während einer Aktion, aber auch wie hier in der
Ver-gegenwärtigung der Aktion angesichts ihrer Relikte
- Eiche und Bassaltstein - sinnlich
erfahrbar werden.
|
|
|||||||
|
|
|
|
|
|
|
| ||