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Edition 6065
Verlag für regionale Kultur und
Geschichte
gegründet 1995
von Brigitte Forßbohm
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Otto Winzen
Welt der Spiegel
Erzählung
Leseprobe
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Im Garten
Am Nachmittag war Hektor noch auf einen
Sprung in das Bike-Center geeilt. Die Monate der Lehrzeit lagen
hinter ihm. Geführt von Hannes, der an Wochenenden noch
rasch vor dem Nachmittagskaffee einhundertfünfzig
Kilometer auf seinem Hybrid-Rad ableistete, als handele es sich
um das samstägliche Sprengen des Gartens. Schwarz
lackierte Vorbauten, kopflose Gabeln sowie die Dauerfarbe Lila,
alles war Hektor in diesem Bike-Center gewärtig.
Gehörte bereits zum gehüteten Bestand, zum Katalog
eines Bewusstseins, worin es endlich wieder Sehnsüchte und
das Gepäck aus der Knabenzeit gab. Wo Hektor mit einer
Lederhose bekleidet spielte und am Wegesrand pinkelte. Wo
erneut grimme Lust aufblitzte, wenn ein Mädchen an ihm
vorüberging, schnippisch, pubertär und doch bereits
so wild wie die Tochter, der er ein guter Vater zu sein
bestrebt war.
Somit befand er sich in der Reihe der
Väter, die nicht allein gut zu ihren Töchtern waren,
sondern auch vorsichtig wie die Besitzer von
Hybrid-Rädern, welche um 5000 DM allzeit zu haben waren.
So war er schon so manches Mal fünfzig und mehr Kilometer
gefahren, immer in dem Bewusstsein, die Ideale seiner
Knabenjahre – Wildheit und Kirschlikör – mit
der Erinnerung an eben diese Ideale auf das Praktischste zu
verbinden, indem er sowohl die Erinnerung zum vorherrschenden
Teil seines Bewusstseins machte als auch das Bewusstsein zum
resignierten Sklaven seiner Ideale. Auf dem Hybrid-Rad, dem
athletischen Nachfolger von Touren- und Leichtlaufrad, gedieh
diese ansonsten hochexplosive Mischung zu einem hilfsbereiten
Tourenbegleiter, der es sich neben Hannes einzurichten wusste,
bis Hektor sich zurückfallen ließ, nach etwa
fünfzig Kilometern aufgab, um vorzeitig am bereits
gedeckten Kaffeetisch in Hannes Garten zu erscheinen und die
erforderliche Ruheposition einzunehmen. Wenn Hektor sich dann
dort in den Fachkatalog der Firma Schauff versenkte, dachte er
meist über den Ankauf des die Bandscheiben
schützenden Rades „Ischia“ nach, das er dem
Modell „Torero“ vorzog, nicht nur wegen dessen ihm
übertrieben anmutenden
„High-End“-Ausstattungsprofils. Sondern wegen eines
mit den Jahren gut genährten Rückenleidens, dem er
ebenso mit Furcht zugetan war, wie er die Arena prinzipiell
hasste.
„Alles dreht sich letztendlich um
die Zielgruppe“, dachte er. Hannes, der
Geländesportler, brauchte den
„Rapid-fire“-Schalter für den streng
gemessenen Zeitvorteil. Hektor als letztlich mehr citynaher
Radler benötigte Verkehrssicherheit. Er liebte es, dass
man beim Schalten den Lenker nicht loslassen musste.
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