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Edition 6065
Verlag für regionale Kultur und
Geschichte
gegründet 1995
von Brigitte Forßbohm
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Die Wäsch-Bitt von Franz Bossong
Heiteres und Satirisches aus dem alten
Wiesbaden 1897 bis 1900
herausgegeben und kommentiert von
Brigitte Forßbohm
Leseprobe
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„Lord Blummekohl“
Der Autor, Herausgeber, Buchhändler
und Verleger Franz Bossong war selbst ein Wiesbadener Original.
Bei den Sitzungen des Karnevalsvereins Sprudel schlüpfte
er in die Rolle des Virreche, wie sich die alteingesessenen
Bürger Wiesbadens gerne nannten, und mit dessen Name er
seine Beiträge in der Wäsch-Bitt zeichnete. Der
gelernte Buchhändler mit humanistischer Schulbildung war
jedoch eher eine elegante Erscheinung, ein Wiesbadener der
Jahrhundertwende, seinem Herkunftsmilieu entwachsen wie
verbunden, was ihm den Spitznamen Lord Blummekohl einbrachte.
Geboren wurde er 1872 - wenig später wurde der alte
Uhrturm als Verkehrshindernis abgerissen. Sein Elternhaus, die
Bäckerei Adam Bossong in der Kirchgasse 58 gegenüber
der alten Mauritiuskirche, am 1. April 1837 gegründet,
stand noch bis in die 70er Jahre unseres Jahrhunderts. 1896
übernahm Bruder Fritz die Bäckerei. Ein anderer
Bruder, Theodor, war in Paris Modeschneider. Nach Paris zog es
schließlich auch Franz Bossong. 1899 verließ er
Wiesbaden, um erst nach Jahren wieder seine Heimatstadt zu
besuchen. Ab 1909 lebte er wieder als Verleger in Wiesbaden.
Franz Bossongs kurze Lebenszeit - er
starb mit 42 Jahren am 11.7.1914, kurz vor Ausbruch der Ersten
Weltkriegs, im Haus Roonstr. 17 - fällt genau in die
Glanzzeit Wiesbadens als Mai-Residenz des Kaisers, Wohnstadt
des Geldadels und mondäne Kurstadt. Er wußte, wovon
er redete und worüber er spottete. Betrachtete er
einerseits Wiesbaden und die Welt aus der Perspektive des
alteingesessenen Bürgertums und Kleinbürgertums, war
er doch, wie die Stadt selbst, über den vergleichsweise
bescheidenen Rahmen des klassizistischen, nassauischen
Wiesbaden hinausgewachsen.
Franz Bossong übernahm 1893 die
Firma Keppel & Müller, Buchhandlung, Verlag und
Antiquariat in der Kirchgasse 45, in der er nach Abschluß
des Gymnasiums eine Buchhändlerlehre absolviert hatte, und
erweiterte sie um eine lithographische Anstalt, später
auch um eine Druckerei. 1893 warb Bossong für
"Clichés, Illustrationen und Plakate in Autotypie,
Photographie, Chemigraphie, Chromotypie, Photolithographie,
Zinkätzung und Lichtdruck". Ebenfalls im Hause hatte
er ein "zeichnerisches Atelier" unter der Leitung von
"Herrn Illustrationszeichner Ferd. Nitzsche". Ab 1896
führte er die Firma unter eigenem Namen weiter. 1893
erschien der "Illustrierte Fremden-Führer durch
Wiesbaden und Umgebung", herausgegeben von Franz Bossong
in der ersten Auflage. Im Vorwort begründet er, warum er
den vielen schon vorhandenen Führern durch Wiesbaden einen
weiteren hinzufügen wollte: Kein "tiefempfundenes,
dringendes Bedürfnis", wie es in den Vorworten so
vieler überflüssiger Bücher heiße, habe
ihn geleitet, sondern die Tatsache, daß es erstens bis
jetzt keinen Führer gegeben habe, dessen
"Abhandlungen über Geologie, Fauna, Flora, Medicin
etc. von wirklichen Fachmännern" bearbeitet wurden.
Zweitens "nirgends auf die Geschichte unserer Stadt
Betracht genommen wurde", da Ansichten aus dem alten
Wiesbaden fehlten und drittens es überhaupt keinen gut
illustrierten Führer zum Preis von 50 Pfennig gebe.
Bossong hatte für die fachlichen Beiträge Chr.
Spielmann, Prof. Meineke, Ch. Leonhard, W. Caspari, Dr. M.
Ripper und Dr. med. Rosenthal als Autoren mit
wissenschaftlicher Kompetenz gewonnen. Er selbst hatte die
Kapitel "Das heutige Wiesbaden", "Die
ältesten Bücher und Ansichten von Wiesbaden" und
"20 Ausflüge in Wiesbaden's Umgebung"
geschrieben. Bossong dankt im Vorwort seinem Freund Ferd.
Nitzsche für die "bildliche Ausstattung" und dem
Herrn Polizeirat Höhn, der ihm seine großartige
Sammlung alter Wiesbadener Stiche, Bücher und Ansichten
zur Verfügung gestellt hatte. Das Ergebnis war ein
Führer von hohem Niveau, sowohl was das Inhaltliche als
auch was die Gestaltung betraf. Das Publikum dankte es ihm. Das
Büchlein erlebte von 1893 bis 1897 vier Auflagen, die
vierte erreichte das 16. Tausend. Aus heutiger Sicht eine
traumhafte Zahl für einen Stadtführer, der seinerzeit
das Bild Wiesbadens wie kein anderer unter Einheimischen wie
Fremden geprägt haben dürfte.
Franz Bossong war sowohl Autor als auch
Herausgeber und Verleger von Mundartdichtung. 1894 erschien
"Gelunge Gescherr", eine Sammlung heiterer Gedichte
und Geschichten in wiesbadener, frankfurter, pfälzer,
westerwälder und hessischer Mundart, herausgegeben von
Franz Bossong. Den Abschluß bildet der Beitrag von Georg
Bötticher "Wie ich Demokrat worre bin. E Geschicht'
aus de Verziger Johr'" über einen, der sich
"unnersteht ... sei Landesferschte zu uhze". In
diesem Bändchen gibt es auch eine Zeichnung von Ferd.
Nitzsche "E Virreche", dank derer wir heute eine
Vorstellung vom Aussehen des typischen Altwiesbadeners haben.
1896 erschien "E' Virreche in Berlin unn uff de berliner
Gewerbeausstellung" von Franz Bossong und 1896 erstmals
seine "Gedichte in Wiesbadener Mundart", die bis 1909
drei Auflagen erlebten.
Im Zusammenhang mit seinen satirischen
Dichtungen, teilweise in Mundart, und der Herausgabe der
Wäsch-Bitt 1897-1900 ist Franz Bossongs Rolle im
Karnevalsverein "Sprudel" von Bedeutung. Franz
Bossong zeichnete seine eigenen Beiträge in der
Wäsch-Bitt mit "Virreche". Einige Beiträge
sind als Vorträge für die Gesellschaft Sprudel
entstanden. Auch die Beiträge anderer Autoren wie
Rosenthal, Kalkbrenner und Dremmel sind karnevalistische
Vorträge, also "Büttenreden". Sie sind
häufig in Mundart geschrieben und aus heutiger Sicht nicht
leicht verständlich, da die für Büttenreden auch
heute noch typische sprunghaft assoziative Technik wenig
vermittelnd ist, sondern die Kenntnis der angesprochenen
Sachverhalte durch den Hörer voraussetzt. Das Virreche war
die Gestalt, die traditionell den abschließenden
Höhepunkt der Karnevalssitzungen des Sprudel bildete und
dessen Rede dann Stadtgespräch gewesen sein dürfte,
wie z. B. der Vortrag von 1897 "s'Virreche mit eme
Barliner dorch Wißbade", der auch als Beitrag in der
Wäsch-Bitt erschienen ist. Die Rheingauer Mundartdichterin
Hedwig Witte hat über Franz Bossong geschrieben: "...
er hat mit dazu beigetragen, als lebendes Original und
wandelnde Verkörperung des von ihm geschaffenen
Wiesbadener Urtyps, des Virreche, das Wenige
aufrechtzuerhalten, was die alte nassauische Stadt Wiesbaden
ihrem beispiellosen Aufstieg an alter Bürgertradition
entgegenzusetzen hatte." ...
Im Jahre 2000
Wiesbaden NW. 10, den 13. Januar 2000.
Lieber Freund!
Es ist doch eine merkwürdige Welt,
in der wir leben! War ich da gestern im Archivgebäude Nr.
3 - Du weißt ja, Nr. 1 steht in der Altstadt und zwar in
der Mainzerstraße - und fand da zufällig einen Band
des "Wiesbadener Tagblatt" vom Jahre 1896. Das
müssen doch noch idyllische Zeiten gewesen sein, vor allem
wenn man liest wie selbst die jungen Damen z. B. am
Andreasmarkt junge Herren gesucht haben, die sich ein bischen
mit ihnen amüsieren wollten. Heute reden die Damen
bekanntlich ganz anders als im 19. Jahrhundert. Vor allem jetzt
unter der neuen Oberbürgermeisterin Dr. Beckel spielen sie
die erste Geige, und wir Männer haben von den 184
Stadtverordneten-Mandaten nur 72! Weil ich denn gerade von
städtischen Sachen rede, will ich Dir auch kurz mitteilen,
daß unser neues, aus zehn Gebäuden bestehendes
Rathaus inmitten der Stadt auf dem sog. Exerzierplatz nunmehr
vollendet ist, was deshalb besonders wertvoll erscheint, weil
die 6 alten unzureichend waren. Überhaupt im Bauen leisten
wir jetzt großartiges; weniger als 7 Stock hat wohl kein
Haus mehr. Und vor hundert Jahren haben sie sich über ein
paar Zentimeter gestritten! Ich sage Dir, man schüttelt
bloß in einem fort den Kopf, wenn man solche alte
Zeitungsbände studiert. Denke Dir - unglaublich, aber wahr
- in Wiesbaden wuchs sogar bis vor 80-90 Jahren Wein, sogen.
Neroberger. Heut' sind an der Stelle wunderschöne Villen
und von Wald, der sich hinter diesem Neroberg ausgedehnt haben
soll, ist keine Spur mehr zu finden. Sonnenberg, Erbenheim,
Biebrich, Schierstein und Dotzheim sind längst einverleibt
und wenn die Namen für diese Stadtviertel nicht
gewählt worden wären, es wüßte wohl
niemand etwas von diesen einst dort gelegenen Ortschaften.
Großartig sind die neuen Hafenanlagen am Rhein und
geradezu herrlich ist die große Brücke, die
Wiesbaden und Mainz verbindet. Dicht am Rhein ist auch der neue
Centralbahnhof, der alte an der inneren Ringstraße wird
nur noch als Personalbahnhof benutzt. Die erste
Geschäftsstraße ist immer noch die
Kaiserstraße, sie führt vom Rhein bis zur Vorstadt
Geisberg. Früher soll sie merkwürdigerweise alle paar
Schritte einen anderen Namen gehabt haben und zwar Langgasse,
Kirchgasse, Moritzstraße u.s.w. Die Erbreiterung der
Kaiserstraße ward hauptsächlich in den Jahren
1930-50 vorgenommen, weshalb sie heute überall 20 Meter
breit ist. Der Quadratmeter kostet dort Unsummen, wodurch nur
Welthäuser daselbst Geschäfte betreiben können.
Sehenswert ist auch die neue dritte Stadthalle, die auf dem
Terrain zwischen Helenen- und Schwalbacherstraße erbaut
wurde, und das neue Museum im Stadtviertel Adolfshöhe. Die
Zahl der Denkmäler beträgt jetzt 84, wobei jedoch die
11 Monumentalbauten nicht eingerechnet sind. Natürlich
sind alle Stadtbahnen, die Beleuchtung, die meisten Kochherde -
außer bei einigen Biedermeiern, die noch Gas benutzen -
elektrisch. Ferner haben wir wie mit Frankfurt, Köln,
Mannheim u.s.w. nunmehr auch mit Berlin, Wien und Paris
ständigen Luftballonverkehr. Bemerkt sei noch, daß
nun auch bei uns in den 76 Schulen an Stelle des
Turnunterrichts das Radfahren eingeführt worden ist.
Kurzum, ich könnte Dir noch tausenderlei Neuigkeiten
berichten, doch mag es für heute genug sein. Das
nächstemal mehr. Interessant ist nur eins: Trotz all' des
kolossalen Fortschritts, trotz all' der vielen Neubauten, trotz
all' der Raschlebigkeit und Electricität liegt das
Dern'sche Terrain am alten Markt immer noch unbebaut da!
Herzlichen Gruß sendet Dein Franz
(F. Bossong, Wäsch-Bitt, 1. Jg., Nr.
1, 1897)
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